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Kapitel 3: der schwärzeste Tag aller Tage - die Diagnose

Aktualisiert: 10. Jan. 2021

Das lange Warten


Nach dem Termin bei der Kinderärztin, mussten wir einige Tage warten, bis wir den Termin im Kinderspital Zürich erhalten haben. Die Tage vergingen und wir merkten, dass Jamie immer häufiger Kopfschmerzen hatte und er unter irgend was litt. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Kein Wunder!


Es war Dienstag der 25. Juni 2013, als Jamie morgens um 05:00 Uhr wieder mit Fieber aufgewacht ist und Kopfschmerzen hatte. Wir haben ihm gegen die Schmerzen etwas Algifor gegeben, worauf er wieder eingeschlafen ist. Sybille und ich haben vereinbart, dass wir noch am selben Tag kurz ins Kispi fahren. Obschon der Termin für die neurologische Untersuchung erst am darauffolgenden Dienstag gewesen wäre. Jamie wollte aber vorerst nicht, da er wegen dem Algifor keine Schmerzen mehr hatte und den Sinn nicht sah. Ich fuhr dann zur Arbeit und vereinbarte mit meinem Arbeitgeber, dass ich so gegen 10 Uhr nach Hause gehen würde, um mit Jamie ins Kinderspital zu fahren.


Im Notfall des Kinderspitals angekommen, mussten wir zuerst durch die Triage und die nette Dame am Empfang stellte uns einige Fragen. Vorallem auch, ob Jamie in der jüngeren Vergangenheit erbrechen musste. Das war auch die Frage, die seine Kinderärztin immer wieder stellte und wir verneinen konnten. Schliesslich hatte eine Neurologin per Zufall Zeit und konnte sich Jamie genauer ansehen. Sie machte mit ihm einige Geschicklichkeitsübungen und Jamie durfte im Flur des Spitals mit ihr kurz Fussball spielen. Bei einer Übung musste er wie bei Master Mind, kleine feine Stäbchen gezielt in ein Loch stecken. Wir waren noch erstaunt, weshalb Jamie die Stäbchen immer von der rechten Hand in die Linke übergeben hat und sie damit eingesteckt hatte. Eigentlich war er doch Rechtshänder. Offenbar hatte er sichtlich Mühe mit dieser Übung.


Wir waren ahnungslos, aber sie wusste schon Bescheid


Nach den Übungen mit der Neurologin mussten wir im Untersuchungszimmer warten und die Ärztin wollte etwas abklären gehen. So verschwand sie und Sybille und ich machten uns nun das erste Mal wirklich Gedanken. Irgendwie umgab uns ein mulmiges Gefühl, aber an etwas Schlimmes haben wir immer noch nicht gedacht. Ein paar Minuten später kam die Neurologin zurück zu uns und sagte, sie könne nichts Genaues diagnostizieren. Um ganz Sicher zu sein, müsste Jamie ein MRI machen. Zufälligerweise sei gerade ein Slot frei geworden und man treffe alle Vorbereitungen. Jetzt im Nachhinein wissen wir, ein MRI wird NIE einfach so per Zufall frei, die sind immer auf Monate hin ausgebucht.


So wurde Jamie für alles vorbereitet, erhielt eine leichte Narkose und wurde ins MRI verbracht. Natürlich durften wir nicht dabei sein und warteten zuerst im Restaurant und dann im Wartebereich der entsprechenden Abteilung. Es ist ein sehr kleiner Raum, mit nur etwa 4 Stühlen. Und die Zeit wollte einfach nicht vorbeigehen. Könnt ihr euch vorstellen, wie schlimm die Warterei war? Unser kleiner Engel am Schlafen in dieser Röhre und wir sind völlig ahnungslos... Uns wurde mitgeteilt, dass es etwas länger dauern würde, als zuerst angenommen. Es müssten noch ein paar weitere Scans gemacht werden.


Wenn 4 Ärzte ins MRI gehen


Als das MRI eigentlich hätte fertig sein sollen, liefen 4-5 Ärzte an uns vorbei ins MRI. Eigentlich sind Männer ja immer sehr pragmatisch. Und bis zu diesem Moment machte sich eigentlich nur Sybille so richtig Sorgen um Jamie. Ich dachte bis zu dieser Sekunde wirklich nie an etwas Schlimmes. Aber als diese 4 Engel in weissen Kitteln an uns vorbei, in zügigem Schritt zu Jamie gingen, wurde mir Angst und Bang. So dauerte es auch nicht lange und ein junger, netter Arzt kam zu uns. Er stellte sich als Herr Dr. Nicolas Gerber vor und bat uns, ihm zu folgen. Das MRI würde etwas länger dauern würde, als zuerst angenommen. Es müssten noch ein paar weitere Scans gemacht werden. Aber er möchte doch etwas mit uns besprechen. Wir folgten ihm, wobei Sybille und ich uns ganz fest an den Händen hielten. Der Weg bis zum Besprechungszimmer kam mir irgendwie ewigs vor und ich meinte durch das ganze Spital gelaufen zu sein. Dann nahmen wir Platz, Herr Dr. Gerber setzte sich zu uns und auch die zuvor untersuchende Neurologin war anwesend. Ganz einfühlsam versuchte Herr Gerber uns zu sagen, dass wir mit unserer Vermutung, dass mit Jamie etwas nicht stimmen würde, recht hatten. Bei Jamie sei etwas im Kopf, was da nicht hingehöre und er zeigte uns diesen Scan seines Gehirns:










Der Schlag mit einem Vorschlaghammer


Genau wie der leere Abstand zwischen diesem Bild und diesem Text hier, so fühlte es sich an. Es war, als hätte uns jemand aus einem perfekten, glücklichen Leben herausgerissen, den Boden unter den Füssen weggezogen und uns fallen gelassen. Es war, wie ein Schlag mit einem Vorschlaghammer, den du nicht hast kommen sehen. Alle Nebensächlichkeiten, welche man als wichtig erachtete, waren auf einmal nicht mehr wichtig. Es war eine unendliche Traurigkeit, die uns überkommen hat, mir die Tränen in die Augen gedrückt und ich wusste kaum mehr, wo ich war. Es war der blanke Horror!!!!! Was uns Herr Gerber da gezeigt hatte, war ein Hirnscan mit einem Kinderfaustgrossen Hirntumor in der rechten Gehirnhälfte von Jamie. Seine rechte Hirnhälfte war auf wenige Millimeter zusammengedrückt. Eigentlich grenzte es an ein Wunder, dass Jamie überhaupt nur so wenige neurologische Auffälligkeiten aufwies. Sybille war dieses mal gefasster als ich, ich musste einfach nur heulen. Wir waren mit einem unserer Meinung nach gesunden Kind morgens um 10:00 Uhr ins Kinderspital gefahren und haben 5 Stunden später die Gewissheit, dass Jamie eigentlich ganz nah am Sterben ist. Und wir dachten, er sei lediglich etwas verspannt.

Stell dir das mal vor!!!!!!


Herr Dr. Gerber war äusserst einfühlsam aber doch auch sehr direkt und teilte uns ungeschönt mit, was das nun heisse. Es sei ein paar Sekunden vor 12 Uhr, wichtige Zuleitungen im Gehirn drohen gänzlich abgeklemmt zu werden und Jamie müsse dringend Notoperiert werden, da diese Situation lebensbedrohlich sei. Er werde nun noch fertig untersucht und nach dem MRI gleich auf die Intensivstation verlegt. Wir hätten also noch genügend Zeit um nach Hause zu fahren, persönliche Utensilien für einen längeren Spitalaufenthalt zu holen und uns zu organisieren. Sybille und ich begaben uns heulend nach draussen zum Brunnen vor der Polyklinik. Wir setzten uns auf die Holzbank, die Sonne schien uns ins Gesicht und wir heulten einfach nur zusammen. Ich fühlte mich wie betrunken, konnte nicht mehr klar denken und hatte eine riesige Angst, um unseren kleinen Engel. Schliesslich konnten wir uns zu den wichtigsten Telefonaten durchringen und nach Hause fahren. Es war wie in einem schlechten Film, es war einfach ein riesen Albtraum. Ich weiss gar nicht mehr, wie ich zu diesem Zeitpunkt noch fahren konnte. Wir sagten uns immer und immer wieder, wir können Jamie nicht verlieren...wir dürfen Jamie nicht verlieren... er ist unser Ein und Alles.... er entzückt uns und die ganze Welt und er muss das schaffen...


Nachdem Sybille und ich wieder im Kispi angelangt waren, befand sich Jamie bereits auf der Intensivpflegestation und war noch am schlafen. Die Ärzte teilten uns mit, dass einer der besten Neurochirurgen, Dr. Boszinov am nächsten Tag die Operation durchführen würde. Sie waren ganz offensichtlich sehr happy, dass DIESER Chirurg freie Kapazität habe für Jamie. Offenbar ist er einer der besten Neurochirurgen und wir waren natürlich über diese Nachricht auch sehr happy und vertrauten den Ärzten.

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