• Papi

Kapitel 7: 85 Wochen Chemotherapie


Geniesse die Zeit dazwischen umso mehr!


Nachdem die zweite Operation schon eine Weile her war und sich Jamie gut erholt hatte, haben wir die gemeinsame Zeit noch mehr genossen. Ich konnte inzwischen auch endlich meine Arbeit als Ermittler kündigen und einen familienfreundlicheren Job annehmen. So hatte ich endlich wieder mehr Zeit für meine Familie und das war alles was gezählt hat. Wegen der Verletzung des Auges und dem kaputten Gesichtsnerven mussten wir natürlich zahlreiche Termine in der Augenklinik wahrnehmen und diverse Untersuchungen machen. Aber Jamie hat sich wie immer super geschlagen und ohne Widerrede mitgemacht. Wie immer.... einfach Spitze!


So ein lästiger kleiner "Frechdachs"


Es war dann im Sommer 2014, also gut 14 Monate nach der Diagnose Krebs und der ersten Operation, als wieder mal ein Kontroll-MRI dran war. Die wurden zu dieser Zeit glaublich alle 3 Monate gemacht. Genau weiss ich es ehrlich gesagt gar nicht mehr, es waren inzwischen so viele und so viele verschiedene Zyklen. Jedenfalls warteten wir bei Jamie auf der Tagesklinik, bis er von der Narkose wieder aufwachen würde. Herr Dr. Gerber, sein zuständiger Onkologe, welcher uns seit dem ersten Tag begleitet hatte, besuchte uns im Zimmer. Und wir sind ihm immer sehr dankbar, dass er immer gleich auf den Punkt kommt.


"Jamies Tumor ist schon wieder gewachsen, das tut mir Leid"


"Hmm verdammt, hört das denn nie auf?" dachten wir. Warum muss einem solch kleinen Engel immer wieder so viel zugemutet werden. Als hätten die 2 grossen Hirnoperationen nicht schon gereicht. Als wäre das mit dem Auge und dem Nerv nicht genug. Jedenfalls hiess es nun wieder die Optionen zu prüfen. Die Chirurgen und Onkologen würden gemeinsam die Bilder auswerten und dann entscheiden, welche nächste Therapie die beste sein würde.


Das ewige Tauschgeschäft


Schon bereits wenige Tage später wurden wir angerufen und Herr Gerber teilte uns mit, dass eine Chemo-Therapie sich am besten eignen würde. Eine weitere Operation mache keinen Sinn mehr. "Scheisse, jetzt noch Chemotherapie" dachte ich. Was kommt sonst noch alles auf uns zu? Aber auch wenn das für Aussenstehende schwer nach zu vollziehen ist, wird man nach einer solchen Diagnose und der lebensrettenden Operation genügsam. Man weiss wieder die kleinen Dinge im Leben zu schätzen und ist trotz allem einfach nur froh, dass man sein Kind noch in den Arm nehmen kann, mit ihm witzeln kann und das Leben geniessen darf.


Herr Dr. Gerber erklärte uns in Ruhe, wie die Therapie nun aussehen würde, was die Risiken dabei sind und was das Ziel der Therapie sei. Jeder der jemanden kennt oder schon selbst eine Chemotherapie machen musste weiss, die Liste der Nebenwirkungen und möglichen Langzeitschäden ist lange. Doch wie immer ist es ein Tauschgeschäft, du tauschst etwas ein in der Hoffnung das kleiner Übel gewählt zu haben und die Krankheit heilen zu können. Und da bekanntlich in der Medizin alles Möglich ist, weisst du im Vornherein eben nicht, wie viel du eintauschen musst.


85 Wochen Chemo-Sturm


Gemäss Therapieplan waren 85 Wochen!!!!!! Chemotherapie geplant mit 2 Medikamenten. Eigentlich bezeichne ich selbst das nicht als Medikament. Eigentlich sind es eher 2 Gifte die gezielt etwas im Körper abtöten sollten und dabei möglichst wenig vom gesunden Gewebe zerstören sollten. Bei Jamie sollten Vincristine und Carboplatin zum Einsatz kommen. Wie immer war es auch da ratsam, ja nichts zu googlen. Das haben wir übrigens auch schon bei der Diagnose nicht gemacht. Wenn du das machst, findest du hunderte negative Beispiele und es zieht dich für nichts in einen Negativsog. Herr Gerber übergab uns einen "Fahrplan" in welchen Abständen und Zyklen die Medikamente verabreicht würden. Vincristine konnte in einer kurzen Zeit verabreicht werden und Jamie konnte gleich danach wieder nach Hause. Carboplatin hingegen ist ein heftiges Ding, da musste Jamie wirklich an den Tropf gehängt werden und anschliessend noch eine Weile überwacht werden. Das war echt ein Teufelszeug! Aber Jamie und wir lernten damit umzugehen.



Im Zyklus fand diese lange Chemo immer montags statt, und wie ein Uhrwerk wussten wir, dass Jamie um 18:00 Fieber machen würde und spätestens um 20:00 Uhr zum ersten Mal erbrechen wird. Da er etwas heikel war, Medikamente zu schlucken, entschied er sich immer lieber fürs Erbrechen. Denn das Medikament "Zofran" hätte gut gegen die Übelkeit geholfen, aber er wollte das um keinen Preis einnehmen. Für uns Erwachsene natürlich nicht nachvollziehbar, aber für Jamie wars offenbar so besser. Ich kann mich noch erinnern, als wir während einer schlaflosen Nacht wegen dem Erbrechen, versucht haben ihm im Schlaf das Zofran in den Mund zu legen. Er ist dann natürlich sofort aufgewacht und hat uns mit grossen Augen angeschaut. "Habt ihr gerade versucht mir das Zofran zu geben?" fragte er ungläubig. "Nein natürlich nicht." Von da an war klar, dass wir keine Chance hatten und wir es einfach akzeptieren mussten.


Immer das Gute sehen und positiv bleiben


Rückblickend betrachtet haben wir die Zeit eigentlich genossen. Sie war sehr umständlich, wir waren teils traurig und doch immer zuversichtlich. Wir hofften so sehr, dass dies die erhoffte Heilung bringen würde und Jamie anschliessend endlich ein normales Leben führen dürfe. Aber es entstand auch eine neue Routine und ein neuer Wochenablauf. Natürlich mussten wir uns einschränken und konnten nicht immer überall mit Jamie hin. Vorallem wenn seine weissen Blutkörper gerade im Keller waren und er dadurch ein geschwächtes Immunsystem hatte, musste mal auf einen Zirkusbesuch verzichtet werden oder er musste eine Maske tragen. Leider Dinge, die für uns im Jahr 2020/21 völlig zur Normalität geworden sind. Aber damals war es für Jamie auch wichtig, nicht irgend einen Virus einzufangen.

Ja klar mussten wir uns damals mit weissen und roten Blutkörper und vielen anderen Blutwerten herumschlagen. Doch wir waren uns sicher, dass dies nur vorübergehend sein wird und Jamie das gut durchstehen wird. Wir haben uns immer am Guten orientiert, und uns gesagt, dass alles noch viel schlimmer hätte sein können.










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